Total Veggi!
Nachrichten aus der alten Welt
🥦 🍅 🥕 🧅 Früher war mehr Gemüse
Lina ist meine Enkelin. Sie kommt gerne in den Osterferien zu Besuch. Mittlerweile macht man ja in heimischen Gefilden statt in Asien Ferien und reist mit dem Zug und nicht mit dem Flieger. Sie findet das absolut und total obercool, nutzt auch gerne mein klappriges Fahrrad für die regionale Fortbewegung. (Zu Fuß gehen hat sich immer noch nicht ganz durchgesetzt). Überhaupt stöbert sie gerne bei mir in der Garage oder auf dem Dachboden nach materiellen Zeitzeugen einer offenbar vergangenen Kultur: So fand sie im letzten Urlaub meine Zeltausrüstung, die mein Mann und ich aus irgendwelchen sentimentalen Gründen aufbewahrt haben. Früher haben wir damit Skandinavien und Island und, mit zunehmendem Wohlstand, sogar Alaska bereist. Am liebsten hätte Lina ja in meinem alten beigefarbenen Baumwollzelt auf dem nahegelegenen Campingplatz genächtigt, mit Trangiakocher und rußiger Alukanne samt zerbeultem Blechbecher mit Henkel. In der Rezeption des Campingresorts hatte man alle Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß es keine Plätze für ein ZELT gibt, bloß für Wohnwagen und Caravans. Meines Wissens hat Lina das internetwendend an alle Followers verschickt mit entsprechend zeitgemäß fleischgewordener Empörung: Nicht nur verbal, sondern auch mit den entsprechenden Emojis versehen.
Lina weilte also bei mir und fand das Kochbuch meiner Mama mit den Rezepten der ausgehenden Nachkriegs- und beginnenden Wirtschaftswunder-Ära. Was für uns damals soviel hieß wie: Es gab vorwiegend heimisches Gemüse und Obst, immer entsprechend der Jahreszeit, nicht selten von netten Menschen mit Garten. Eier, Butter und Fleisch kamen nach und nach dazu, aber beileibe nicht jeden Tag und wenn, dann eher in Form von Wienerle (für jeden eins) oder falschem Hasen. An Weihnachten eine Gans zu haben zeugte von Wohlstand. Eine Wohlstandsgans sozusagen.
Lina vertiefte sich also in die Kochanleitungen. Das Ergebnis ihres Studiums war der sowohl verblüffte wie anerkennende Ausruf: „Aber ihr wart ja total veggi …!“
Das konnte ich natürlich so nicht stehen lassen, weil total unverdient: „Weißt Du, Lina, auf die Gefahr, Dich bitter enttäuschen zu müssen - wir waren keine Vegetarier. Wir hatten bloß kein Geld. Fleisch war teuer, Möhren, Kohl und Bohnen, Kopfsalat, Rettich und Äpfel hingegen preiswert, manchmal bekam man Gemüse oder Obst von netten Gartenbesitzern geschenkt, das Geld war knapp, man mußte haushalten, es mußte eben für alle bis zum Monatsende reichen. Wir waren nicht arm, aber wir hatten, um es neudeutsch zu sagen, ein „begrenztes Budget“.
„Aber den Rezepten sieht man das doch gar nicht an!“
„WAS sollte man ihnen denn ansehen?“
„Na, daß sie wegen eines begrenzten Budgets entstanden sind … sie sind doch so GESUND!!“
Nun war es an mir, Lina verwundert anzusehen:
„Was ist denn bei Dir ein ‚begrenztes Budget-Menu?‘ , fragte ich sie ziemlich verblüfft., „und was hat das mit ‚gesund‘ zu tun? “ … Und dann diskutierten wir über den Wandel der Werte im Laufe der Zeiten und wie sich im Leben manchmal Dinge wiederholen, bloß anders …
In den folgenden Tagen jedenfalls wurde bei uns „mit begrenztem Budget“ gekocht. Wir haben alle Rezepte durchprobiert. Unsere eindeutigen Favoriten waren: Bratkartoffeln mit Kopf-, Gurken- und Rettichsalat, Aprikosenknödel und Kartoffel-Lauch-Suppe. Am Sonntag machten wir einen falschen Hasen, standesgemäß mit Möhren. Danach gab es Apfelkuchen, den einfachen, bloß mit Mürbteig und Äpfeln. Ohne Schmant und Zuckerguß. Also so wie früher, vor vielen Jahrzehnten - nur: War das nicht grade gestern?
G.S.
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Wozu schreibe ich diese „Nachrichten“? Um alten Zeiten nachzuhängen, in denen bekanntlich alles besser war? Sicher nicht. Eher deshalb, weil es mich reizt, der allgemeinen Unzufriedenheit mit den aktuellen Lebensumständen etwas entgegenzusetzen. Wir meckern häufig auf einem hohen Niveau. Und wir vergessen, woher wir, woher unsere Eltern und Großeltern kamen. Welche Zeiten sie durchmachen mußten - und bewältigten! Welche Freude Menschen in der Mitte des letzten Jahrhunderts an einer einfachen Malzeit hatten.
Kurz gesagt: Ich schreibe die Nachrichten aus der alten Welt, damit sich die heutige Welt besser verstehen und einordnen läßt.
Rolf Scherer
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Im Berliner Zoo (1955)
Heute hat das wiedervereinte Berlin zwei zoologische Gärten. Den großzügig angelegten Tierpark Berlin-Friedrichsfelde im Bezirk Lichtenberg und den Zoologischen Garten in Mitte. Von letzterem soll die Rede sein, und zwar zu einer Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Er lag im britischen Sektor der geteilten Stadt und war von magischer Anziehungskraft für uns Großstadtkinder. Oft habe ich ihn an der Hand meines Großvaters besucht. Die „Elektrische“, wie alte Berliner die Straßenbahn nannten, brachte uns mit zweimal Umsteigen von meinem Heimatbezirk Steglitz zum Zoo.
So kurz nach dem Krieg gab es auch hier, am großen Berliner Fernbahnhof, noch viele zerbombte Häuser. Auf den Straßen fuhren nur wenige Autos, und erst ganz langsam machte sich das spätere Wirtschaftswunder mit der einen oder anderen bunten Werbefläche bemerkbar. Für alle, die sich noch erinnern: Es war die Zeit, als Catarina Valente Ganz Paris träumt von der Liebe sang. Oder Gerhard Wendland Bei uns in Laramie.
Hier bei uns in Berlins Mitte und direkt hinter dem Zoo wurde damals ein riesiger Bunker abgetragen, der während der Luftangriffe der Alliierten bis zu 16 000 Menschen Unterschlupf bot. Die Abrißkolonnen machten von morgens bis abends einen unbeschreiblichen Lärm, und dicker Staub rieselte für, ich meine fast ein Jahr, auf Mensch und Tier nieder. Aber das störte uns Nachkriegskinder nicht sonderlich. Schutt und Ruinen, das gehörte einfach zum Leben. Und langsam schmolz der riesige Berg des gesprengten Zoobunkers.
Gleich nebenan, gegenüber dem Fernbahnhof, wartete der Eingang zum Zoo auf uns. Wir waren gespannt: Wie ging es Knautschke, dem Flußpferdbullen, der während des Krieges hier geboren wurde? Ein Tier, so riesengroß, kraftvoll und gemütlich, mit dicker brauner Haut, freundlichen Augen, schier unstillbarem Hunger und riesigen Hauern, die er gern bei der Fütterung zeigte. Unser Knautschke hatte den Krieg mit viel Glück als eines von etwa 90 Zootieren überlebt, während rund 3600 durch Bombenangriffe zugrunde gingen. In große Gefahr geriet er jedoch kurz nach Kriegsende, als durch eine Bunkersprengung auch sein Wasserbecken beschädigt wurde und auslief. So stand er plötzlich im Trockenen, was für Flußpferde lebensbedrohlich war. Aber seine Pfleger kämpften um ihn und übergossen ihn liebevoll so lange und oft mit Wasser, bis er diese schwere Zeit überstanden hatte, wieder in seinem Wasserbecken untertauchen und sich im Schlamm wälzen konnte. Dieser tapfere Koloss lag den Berlinern am Herzen. Und obwohl zu Hause die Tische sicher noch nicht reich gedeckt und Lebensmittelmarken noch ein fester Begriff waren, brachten sie Kartoffeln, Kohlköpfe und Obst zum Zoo. Schließlich mußte unser Schwergewicht mit seinen zwei Tonnen bald 70 Kilo Nahrung am Tag verputzen. Man sieht: Knautschke war ein echter Berliner mit unbedingtem Durchhaltewillen.
Und ihm ging es wieder gut. 1952 wurde er Vater einer Tochter. Die Berliner standen Pate, denn, erzählte mein Großvater, es gab Aufrufe der Lokalzeitung BZ, für das junge Flußpferd einen passenden Namen zu finden. Berliner sind erfindungsreich, zudem mit Schnauze und Herz, und so kam es zu der praktisch unerklärbaren, aber irgendwie doch recht passenden Namensgebung Bulette. Zur Erklärung sei hinzugefügt: bei uns sind Buletten gebratene, flache Klöße aus Hackfleisch, zu denen im deutschsprachigen Raum auch gern Frikadelle, Bratklops, Fleischpflanzerl oder -küchle gesagt wird. Wir fanden, Knautschke und Bulette, das paßte prima zusammen.
So war für uns Kinder jeder Zoobesuch ein Höhepunkt. Es gab, kaum wieder zu Hause, viel zu erzählen. Von den zwei Löwen, die den Krieg überlebt hatten und in endlosen Bahnen durch ihr Außengehege streiften. Von riesigen Elefanten mit Füßen, dick wie Säulen und von ihren Trompetenstößen, die durch den ganzen Zoo hallten, von zierlichen Gazellen und den schwarz-weiß gestreiften Zebras mit einem Fell wie Klaviertasten. Ja, und von den Affen, bei denen mein Opa und ich lange standen und den lustigen Gesellen beim Springen und Klettern zusahen. (Schließlich fühlen sich Menschen von diesen Primaten immer in besonderer Weise angezogen.) Auch der Sinn des Schildes „Vorsicht, Affe spritzt durchs Gitter“ wurde mir schnell klar. Man hielt ein wenig Abstand, um dem geschäftigen Treiben zuzusehen.
In diesen kargen Zeiten sammelten wir bei Spaziergängen durch den Berliner Grunewald auch viele Eicheln und Kastanien und gaben sie beim nächsten Zoobesuch an der Kasse ab. Wir wollten schließlich auch etwas tun, damit die Hirsche, Rehe und Wildschweine genügend Futter hatten.
R.S.
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Unsere Musiktruhe
Ich war wohl gut sieben Jahre alt, als in meiner Familie etwas Außerordentliches geschah. Kurz nach Kriegsende war das Geld knappp, und es war noch gar nicht lange her, daß die Lebensmittelkarten abgeschafft worden waren. So war es schon eine große Überraschung, mit der mein Vater eines Tages aufwartete.Denn wir bekamen eine Musiktruhe, die so ähnlich aussah wie auf dem Bild. Eine Wunderkiste Marke GRUNDIG, nußbraun, mit Radio und kleinem, spiegelnden Barfach. Ehrfurchtsvoll versammelte sich die Familie um das Prunkstück. Meine Großeltern saßen gespannt im Sessel, Mutter hielt das Schwesterchen auf dem Schoß, Vater saß auf der Erde, probierte die LW-, MW- und UKW-Taste und drehte mit dem Suchknopf verschiedene Sender rein. Nicht alles war zu verstehen, es kratzte und zischte leise, Musik schwoll an und verebbte wieder. Aber wir waren mit sofortiger Wirkung an die Welt draußen angeschlossen. Der RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) war unsere Berliner Nabelschnur in die freie Welt. Wobei Thilo Kochs „Guten Abend drüben in Deutschland“, nämlich seine Berichte aus Washington, von meinem Vater und Großvater mit großer Spannung erwartet wurden. Da herrschte Ruhe im Zimmer.
Aber das war bei weitem nicht alles, was diese Truhe zu bieten hatte. Man mußte die elfenbeinfarbene Plastiktaste TA (Tonabnehmer) herunterdrücken, den Tonarm des Plattenspielers in Position bringen, und Musik erklang. Wir konnten 33er und 45er Schallplatten abspielen und sie gleich unter dem Plattenspieler in einem Extrafach senkrecht nebeneinander aufstellen. In das Barfach kamen der Eierlikör für meine Oma und ein grauenhafter Magenbitter, der den übrigen Erwachsenen half, wenn schweres Essen einen Verteiler brauchte. Mir kleinem Steppke hatte dieser üble Schnaps hingegen einen unvergessenen Schock versetzt, denn ich hatte in der Küche beim Hinaustragen der Gläser einen kleinen Rest probiert. Es hat so übel geschmeckt und so gräßlich in der Kehle gebrannt, daß ich es höchst ungerecht fand, dafür auch noch geschimpft zu werden. Ein bißchen Mitgefühl hätte gut getan.
Zurück zu unserem GRUNDIG. An die erste Schallplatte erinnere ich mich gut, weil wir Kinder fröhlich mitsangen: „WELLA ist zum Wellen da, juppheidi und juppheida. Aber auch zum Tönen brauchen es die Schönen …“ Mein Vater, Frisörmeister, hatte sie von einem Firmenvertreter geschenkt bekommen. Und so dudelte sie so lange durch die Wohnung, bis Operettenklänge diesem Einerlei ein Ende machten und von „Borstenvieh und Schweinespeck“ kündeten.
Ein anderes Erlebnis ist auch unvergessen: Die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Einen Fernseher hatten wir erst später, das war zu dieser Zeit noch eine zu teure Anschaffung. So versammelten sich Freunde, Nachbarn und Bekannte zu den Spielübertragungen vor dem Radio in unserem nicht gerade großen Wohnzimmer. Es war eine lustige Gesellschaft, die damals noch zu solchen Erlebnissen zusammenfand. Alle Stühle wurden zusammengetragen, wer keinen Platz fand, saß auf dem Fußboden. Fachkommentare schwirrten durch die Luft, und der Schiedsrichter bekam sein Fett weg. Spielzüge wurden gefeiert und Spieler, in der Regel die des Gegners, in der Luft zerrissen. Unfair - das waren fast immer die anderen. Bei den unsrigen hieß das „gesunde Härte“. Deutschland spielte erfolgreich. Es gab Brötchen mit Mettwurst oder Käse, Bier und Johannisbeersaft von Beeren aus dem Garten. Und Deutschland gewann weiter. Die bunte Zuhörerschaft kam öfter und saß in Viererreihe, Aschenbecher wanderten von Hand zu Hand, die Luft war zum Schneiden dick. Die Radioreporter waren mittlerweile namentlich bekannt und legten sich mächtig ins Zeug.
Im Nachhinein kann man das Folgende viel besser einordnen, als man es damals als Siebenjähriger empfand. Die Stimme von Reporter Herbert Zimmermann „Rahn schießt - Tooooor! Tooooor! - Tooooor - Tooooor“. Was für eine Sensation - Deutschland war gerade Weltmeister geworden. Alles lag sich jubelnd in den Armen. Wir Kinder tanzten durchs Zimmer.
Unsere Wunderkiste Marke GRUNDIG blieb für fast zwanzig Jahre in der Familie und absolvierte auch unbeschadet einen Umzug. Hin und wieder mußte beim Plattenspieler die Nadel ausgetauscht werden, aber glücklicherweise lernte die Truhe noch Elvis Presley mit seinem Blue Hawaii und Bill Haley mit Rock around the Clock kennen. Da konnte sie zeigen, was seitens der Lautsprecher in ihr steckte.
Meine Lieblings-Radiosender im beginnenden Teenageralter waren ganz klar der AFN Berlin (American Forces Network) und hier die Hillbilly Hitparade sowie Popmusik in Radio Luxemburg und Radio Hilversum. Aber das war nicht nach jedermanns Geschmack in meiner Familie. So war es für mich eine tolle Sache, daß mir meine Eltern zur Konfirmation ein Kofferradio, einen GRUNDIG Music-Boy schenkten. Jetzt brauchte ich keinen mehr mit meinem „ausgefallenen“ Musikgeschmack zu stören.
Den Platz als Medienstar hatte unsere GRUNDIG-Truhe bereits 1958 anläßlich der Fußball-Weltmeisterschaft verloren. Den Rang lief ihr ein Schwarz-Weiß-Fernseher der Marke NORDMENDE ab, der schnell zum beliebten medialen Mittelpunkt meiner Familie avancierte.
R.S.
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Weltrekord in Gelb
Manche kennen es heute gar nicht mehr - ein gelbes, auf gut einem Quadratmeter Grundfläche stehendes Häuschen aus Stahlblech, dreiseitig verglast und ausgerüstet mit einem Münzfernsprecher. Es schmückte öffentliche Plätze, S-Bahn-Stationen und Boulevards, war fester Bestandteil des Straßenbildes und stark nachgefragt. Das war damals, im letzten Jahrhundert. Also zu einer Zeit, als man noch für ein Ortsgespräch bei uns in Berlin 20 Pfennige brauchte (in Groschen natürlich) und auf einen häuslichen Telefonanschluß etwas so lange warten mußte wie auf einen Sechser im Lotto. Ersatzweise konnte man bei uns auch in Postämtern telefonieren, aber die machten abends um sechs zu, und es konnte immer jemand mithören.
Diese Zellen zur Gewährleistung einer privaten oder beruflichen Kommunikation waren mit dem absolut sinnlosen Hinweis ausgestattet „Nimm Rücksicht auf Wartende - FASSE DICH KURZ!“ (Mit Ausrufezeichen) Da wurde Mitmenschlichkeit gefordert - bei Starkregen, Schnee oder brütender Hitze. Auch war es noch eine ganze Zeit üblich, daß immer nur ein Gespräch geführt wurde. Wer mehrere Anrufe erledigen mußte, hatte sich in der Schlange wieder hinten einzureihen. Das verstand nicht jeder, lernte aber schnell dazu bei absolut unmißverständlichen Kommentaren jenseits der Zimmerlautstärke.
Wer eine Telefonnummer suchte, fand neben dem Hörer das städtische Telefonbuch. Schlecht nur, wenn wieder keine Brille zur Hand war. Da dauerte das Suchen doppelt so lange. Außerdem: es wurde grundsätzlich richtig laut gesprochen, waren doch auch Ortsgespräche insofern „Fern“gespräche, da der Gesprächspartner ja außer Sicht war. Und eindeutig sollte die eigene Ansage schon sein. Das konnte jeder, der draußen wartete, bestätigen. Auch durfte geraucht werden. Ein fest verschraubter Aschenbecher aus Aluminium war für Asche und Kippen zuständig.
Kurz und gut: Telefonzellen waren in der Vor-Handy-Zeit unverzichtbar. Und sie waren - nach einer irgendwie gut gemeinten Verordnung -„höchstens“ 2,5 Kilometer vom jeweiligen Wohnort entfernt. Man ging also mal schnell vor die Tür und steuerte eine maximal eine halbe Stunde entfernte Telefonzelle an. In der Hosentasche, gut vorbereitet, die Telefongroschen. Wenn es Ferngespräche werden sollten, steckte man Fuffziger und Markstücke ein. Wobei manchmal völlig unklar war, ob die Person, mit der man sprechen wollte oder mußte, auch erreichbar war. Da konnte schon mal ein gutes Stündchen mit An- und Abmarsch sowie Wartezeit bei besetztem Häuschen zusammenkommen. Zudem pflegte Petrus meist dann mit dem Regen einzusetzen, wenn man auf halber Strecke war oder warten mußte und natürlich keinen Regenschirm dabeihatte.
Schließlich war ja noch das Gesprächsergebnis von Bedeutung: War die Autowerkstatt mit der Reparatur immer noch in Verzug? Die Freundin immer noch sauer? Kam der Elektriker jetzt wirklich am Freitag? Warum meldete sich das Reisebüro seit der Anzahlung nicht mehr? Und was ist mit Tante Frida? Tausend Fragen, die in dieser einen Quadratmeter großen Zelle eine Antwort suchten. Außerdem führte die stickige Luft zu Hustenanfällen. Der Vorgänger hatte Zigarre geraucht.
Aus heutiger Sicht muß man diese poststeinzeitlichen Kommunikationsübungen als totale Zeitverschwendung einstufen. Jetzt ist Echtzeit angesagt. Säuglinge sind bereits Virtuosen auf dem Handy. Mit WhatsApp reisen stündlich Milliarden bedeutsame Mitteilungen in Bild und Text um den Globus. Kostprobe: Süße Maxi beim Tortenessen/ Kevin und Franzi - Gruß von Malle/ On the Top - Neal!!!/ Mahlzeit - wie spät ist es bei Euch/ Jogi beim Fensterputzen/ Fischstäbchen und drei Sterne geht gar nicht! Weitere soziale Netzwerke kümmern sich im Vierundzwanzigstundentakt darum, daß es den Menschen weltweit nicht langweilig wird.Völlig klar - die gute alte Telefonzelle braucht heute niemand mehr.
Doch STOPPP!, das stimmt nicht ganz. Am 27.6.2017 notierten die WESTFÄLISCHEN NACHRICHTEN eine - jawohl - Weltsensation: Hatte doch der Schützenverein Burgsteinburg einen neuen Weltrekord aufgestellt. 18 Personen, jung und alt, hatten sich in eine extra aus Berlin importierte gelbe Telefonzelle gequetscht. Zwei über dem alten Weltrekord. „Adrenalin pur“, wie der Vereinsvorsitzende jubelte.
Ich schließe erleichtert. Meine gute alte Telefonzelle wird also immer noch gebraucht.
R.S.
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